Depress…. Waaas? … Wer? … Iiiiiiiiich?

Depression. Diese Krankheit war für mich lange Zeit ein Ausdruck von Schwäche und persönlichem Versagen. Wenn man so will, eine Ausrede für Schwächlinge und Versager, die sich hinter einer Krankheit verstecken wollen. Mangelnde Disziplin, mangelnde Selbstbeherrschung und fehlende Verantwortungsbereitschaft für das eigene Leben suchten sich in der Psycho-Ecke des Krankheitsuniversums einen Unterschlupf.

Tja… Und eines schönen Tages sitzt du im Zimmer der Stationschefärztin einer Psychosomatischen Reha-Klinik, nachdem du in den letzten 12 bis 18 Monaten immer „fauler“ und – wieder einmal – fetter geworden bist.

Mich quälte schon seit langem die Frage, wie ich anno 1992/93 über 100 kg innerhalb eines Jahres zunehmen konnte, ohne dieses zu realisieren und Hilfe zu suchen. Mir war klar, dass die Veränderungen von 1991 zu 1992 die Auslöser waren, die bei mir eine über 11 Jahre anhaltende Depression ausgelöst hatten. Doch erschien es mir eine fadenscheinige Ausrede, dass dies Begründung genug wäre für das, was dann kam.

Ende 1991 hatte ich mich extremst verliebt. Die Beziehung hat aber nicht funktioniert und über diese Enttäuschung bin ich nie hinweg gekommen. Außerdem wurde zum Ende September 1992 die Schließung des Unternehmens verkündet, bei dem ich meine Ausbildung gemacht und seit dem auch gearbeitet hatte. Parallel studierte ich im Abendstudium BWL und befand mich im Vorbereitungssemester für die Diplomarbeit. Von Februar bis Ende Juli hatte ich maximal für 10 Minuten am Tag Arbeit, die restlichen 7 Stunden und 50 Minuten bestand Anwesenheitspflicht. Ab August hatte ich einen neuen Job. Im November stand die Standortschließung des Betriebes im Raum, während ich an der Diplomarbeit schrieb. Ich wurde den Ansprüchen an Leistungsfähigkeit, beruflichem Erfolg, erfolgreiche Partnersuche nicht gerecht. Ich funktionierte nicht so, wie ich es von mir erwartete bzw. dachte, dass es die „Gesellschaft“ von mir erwarten würde.

Kurz gefasst: 1991 lebte ich mit einem sehr positiven, hoffnungsvollen Blick auf mein Leben und meine Zukunft; 1992 brach unter mir alles weg, was mir irgendwie Sicherheit gegeben hatte. – Damals war ich 28 Jahre jung.

Was mich aus dieser Depression herausgeholt hat, beschreibe ich hier.

Mitte Februar dieses Jahres saß ich also jener Chefärztin gegenüber. Gerade hatte ich ihr von den Veränderungen von 91 zu 92 erzählt und ihr meine Frage bezüglich der 100kg in 12 Monaten gestellt. Sie guckte mich an und fragte mit ernster Miene: „Und sie meinen, das reicht nicht aus?“

Da war ich erstmal verdattert. In den folgenden Wochen hatte ich noch einige Gespräche mit einer anderen Psychotherapeutin der Klinik, meiner sogenannten Bezugstherapeutin. Ich verstand so langsam, was die Ursachen und Symptome einer Depression sind (einfach im Netz nach „Symptome Ursachen Depression“ suchen). Desweiteren verstand ich, dass die Unfähigkeit zum Hilfeschrei typisch für eine Depression ist.

Antriebslosigkeit, Müdigkeit, Grübeln ohne Handeln, übermäßiges Essen (oder auch Hungern), … Dies alles hat nichts mit persönlichem Versagen zu tun. Es ist Teil der Krankheit. Diese Erkenntnis – nach dreieinhalb von sieben Wochen Reha – setzte endlich einen Heilungsprozess in Gang.

Ich erkannte nun, dass ich in den letzten anderthalb Jahren wieder in eine ähnliche Falle getappt war wie 1992. Diesmal war es im wesentlichen meine Ansprüche an meine körperliche Leistungsfähigkeit, die sich nicht erfüllten. Als ich dann nach einem Sturz und einer krassen Zerrung im linken Bein (von Po-Backe bis in die Zehen) weder Fahrrad fahren noch vernünftig Laufen konnte, suchte ich keine Hilfe mehr. Ich ließ mich immer mehr fallen. Zuletzt war ich nur noch mit einem Taxi in der Lage mich mehr als 200 Meter zu bewegen.

Der Heilungsprozess ist mit dem Ende der Reha vor wenigen Tagen nicht abgeschlossen. Der Prozess hat gerade erst begonnen.

Im Mittelpunkt dieses Prozesses steht mein Selbstwertgefühl. Je weniger ich mich selber liebe, desto geringer mein Selbstwertgefühl. Die Fragen dahinter sind: „Bin ich wertvoll, einfach weil ich bin? Oder bin ich wertvoll, wenn ich ein 100% selbstlos funktionierendes Teil der Gesellschaft (egal ob Arbeit, Familie, Freundeskreis, Gemeinde, …) bin und meine eigenen Bedürfnisse verleugne?“

Um es klar zu machen: Die zweite Frage mit Ja zu beantworten, war mein Weg in die Depression. Ein fröhliches JA zur ersten Frage hilft mir dabei, aus der Depression heraus zu kommen.

Durch dieses Ja zur ersten Frage lerne ich im Augenblick…

  • Angebotene Hilfe annehmen zu können
  • Um Hilfe zu bitten
  • Mich über Hilfe zu freuen
  • Meine Bedürfnisse zu erspüren und anderen zu vermitteln
  • Meine Grenzen zu entdecken und gegenüber anderen auch zu setzen
  • Wohlwollend und geduldig mit mir selbst umzugehen

Hilfreich war auch die Ergotherapie während der Reha. Hier einige Bilder, die einen Einblick in mein Denken und Fühlen gestatten:

Tarnung ist ALLES:
 

Sorgen und die tägliche Tretmühle:

Ich sag nur: RÖMER!“ -> Dies bezieht sich auf verschiedene, befreiende Aussagen aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom; z.B.: Römer 8,1 „Es gibt keine Verdammnis mehr für die, welche in Christus Jesus sind.“
Der Maler der Tafel „Ich zahle täglich meine Sor(gen)…“ läuft mit dieser Aussage aus dem Bild, weil er sich nicht länger davon beherrschen lässt.

Mit Jesus (im Ballon) den Anklagen davon schweben:

Die Reise in die Freiheit geht weiter!

Hoff…. WAAAAS?

1 Kor 13, 13   „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;…“

Glaube. Hab ich, kenne ich. Liebe? Schon von gehört. Kann ich auch anderen gegenüber empfinden. Manchmal sogar für mich selbst. … Aber das Dritte, was war das  nochmal? … Hoffnung? … So heisst meine Gemeinde. Doch wo bitte finde ich Hoffnung in meinem Leben?

In alltäglichen Dingen habe ich Hoffnung. Ich habe Hoffnung, dass der ICE pünktlich fährt. Ich habe Hoffnung, dass die Klimaanlage im ICE auch bei 30°C und mehr durchhält. Ich habe sogar Hoffnung, nächste Woche nicht bis nach 17Uhr im Büro sein zu müssen.

Geht es um die Dinge die mich wirklich belasten – und das meine ich wörtlich -, dann hatte ich die Hoffnung verloren. Die Hoffnung, dass sich mein Vater im Himmel auch für diese Dinge interessiert und mir helfen möchte. Was meine ich damit konkret? Wer mich näher kennt, weiß, dass ich schon sehr lange Zeit mit einem erheblichen Übergewicht zu kämpfen habe.

In „Spitzenzeiten“ trug ich das Gewicht von drei mittelgroßen Menschen mit mir spazieren. In einer Phase der Hoffnung schwand davon ein das Äquivalent eines kleinen Menschen. Es ist aber immer noch Volumen und Masse eines großen Menschen vorhanden, welches mich von einem „normalen“ Gewicht trennt. Wenn nun in einer hoffnungsvollen Zeit soviel Gewicht verschwinden konnte, so sollte man(n) doch annehmen dürfen, dass dies zum Durchhalten motiviert. Richtig oder falsch? Richtig! Was lies dann alle Hoffnung von mir weichen?

Vor drei Jahren bin ich schwer gestürzt und konnte eine zeit lang kaum kriechen. Es dauerte fast ein Jahr, bis ich wieder halbwegs laufen konnte. Das war anstrengend und raubte mir eine Menge geistige Kraft. Irgendwie kam ich wieder zu Kräften. Kaufte mir sogar ein extra tragfähiges Fahrrad. Begeistert fuhr ich zweimal in der Woche damit zur Arbeit und zurück. Ich fühlte mich gut und motiviert. Dann wurde mein Rad geklaut. Motivation und Kraft waren gemeinsam mit dem Rad verschwunden.

Im nächsten Jahr kaufte ich mir ein neues Rad. Genau einmal fuhr ich damit zur Arbeit und nach Hause. Wenige Tage danach wollte ich auf dem Heimweg in einem Supermarkt zwei Bus-Haltestellen vor meinem Zuhause einkaufen. Als ich aus dem Sitz am Ende des Busses aufstand, merkte ich bereits, da war was faul. Kaum hatte ich den linken Fuss als erstes auf den Bürgersteig gestellt, knallte eine Zerrung durch das komplette linke Bein. Mit letzter Kraft schleppte ich mich zu der Bank an der Bushaltestelle.

Mein Freund Karl hatte Gott sei Dank bereits Feierabend und holte mich mit dem Auto ab. Am nächsten Tag fuhr ich zum Arzt. Der schickte mich noch zum Venen-Ultraschall, da er eine Thrombose ausschließen wollte. Im Geist lehnte ich diese Thrombose ab. Dennoch machte sich Angst und Panik in meinem Herzen breit. Angst davor, im Rollstuhl zu landen. Und anderes dummes Zeug. Ich war froh, dass die Ärzte im Venenzentrum nix Kritisches finden konnten. Was aber nix daran änderte, dass da immer noch Angst war.

In den nächsten zwölf Monaten wurde das – gefühlt – nicht wirklich besser. Zum Ende hin wurden die Schmerzen so schlimm, dass ich es ohne Schmerztabletten nicht mehr schaffte, zur Arbeit zu gehen. An zu vielen Tagen war es zum Feierabend hin so übel, dass ich mit dem Taxi nach Hause fuhr, statt mit U-Bahn und Bus. Inzwischen gibt es Taxifahrer, denen ich nicht mehr sagen muss, wo ich hin will. Lustig und traurig zugleich.

In meinem Herzen war ich mir seit ungefähr einem halben Jahr sicher, dass die Schmerzen nicht mehr körperlich waren. Da musste etwas Geistiges dahinter stecken. Doch alles Glauben und Beten für Heilung mit diversen Glaubensgeschwistern schien nicht zu helfen. Die Schmerzen blieben. Je intensiver und glaubensvoller ich betete, umso stärker wurden die Schmerzen. … Fällt was auf? … Ich hatte zwar Glaube, dass Gott auch heute noch heilt, doch hatte ich für mich persönlich keine Hoffnung auf Besserung.

Auf interessantem Weg brachte mich unser Vater im Himmel mit einem lieben Ehepaar aus England in Verbindung, die seit Jahrzehnten im Heilungs- und Befreiungsdienst unterwegs sind. Wir sprachen und beteten über Skype miteinander.

Sie wussten so überhaupt Nichts über mich und begannen, die richtigen Fragen zu stellen und lehrten mich auch einige Dinge, die ich über Heilungsgebet noch nicht wusste. Um z.B. effektiv für Heilung zu beten, muss – so die Krankheit mit einem traumatischen Erlebnis verbunden ist (z.B. die Panik nach der Zerrung) – die Erinnerung an das traumatische Erlebnis im Gebet gebrochen werden. Solange die Erinnerung an das Trauma noch da ist, ist kein Platz für Heilung. (Es gibt wissenschaftlich nachgewiesen ein Erinnerungsvermögen der Körperzellen. Dort können sich auch traumatische Erinnerungen festsetzen. Einfach mal google-n oder bing-en oder yahoo-en.)

Bereits nach dem ersten Gebet mit dem Ehepaar aus England konnte ich auf Schmerztabletten verzichten. Zwar war ich nicht schmerzfrei, doch war das Schmerzerleben auf einem gerade noch erträglichen Niveau angekommen. In den folgenden Wochen legte Gott noch andere Trauma offen: ein Erlebnis von sexuellem Missbrauch im Teenie-Alter, geistiger Missbrauch durch Ärzte (Schlankheitswahn in den späten 70ern und die 80er Jahre, Normalgewicht in kg = Größe in cm – 100 – 15%), Kalorien-Zählen-Trauma (bitte nicht lachen, das ist echt ernst).

Als ich um die 18 bis 20 Jahre alt war, hatte ich ein halbwegs normales Gewicht. Sah ganz gut aus. War sportlich. Doch in meinem Herzen hatte sich die Lüge, dass ich fett wäre, bereits fest gesetzt. Daraus entwickelte sich über die Jahre eine tiefe Hoffnungslosigkeit, jemals nicht fett sein zu können. Zu allem Überfluss steckte ich dann noch Herbst 1992 bis Winter 2003 in einer Depression fest. (Seit ich am 4ten Advent 2003 Jesus als meinen Erlöser, Herrn und König angenommen habe, bin ich die Depressionen los.)

Diese Themen arbeiteten wir über mehrere wöchentliche Gebete ab. Brachen Trauma, sprach Vergebung aus (wenn noch nicht geschehen), trennte mich von geglaubten Lügen, … und einiges mehr.

Seit fünf Wochen nehme ich keine Schmerztabletten mehr. Seit 2 Wochen bin ich nahezu schmerzfrei. Komme langsam wieder in die Gänge. Und ich habe Hoffnung, dass ich ein normales Gewicht erreichen werde. Ich habe sogar Hoffnung, dass etliche Kilos davon übernatürlich schnell verschwinden werden. Einfach deshalb, weil Gott mich lieb hat.

Beobachtbar und messbar: meine Nahrungsaufnahme hat sich um ein Drittel bis zur Hälfte reduziert, OHNE Kalorienzählen und Co. Ich bekomme einfach nicht mehr so viel runter. Das ist zwar Tagesform abhängig (Drittel oder Hälfte), aber konstant so geblieben.

Ich weiß, dass ich mir auf die all die guten Veränderungen nichts einbilden kann. Das – so bin ich felsenfest überzeugt – hätte ich ohne Gottes Hilfe nicht hinbekommen. Und ich bin Papa im Himmel auch sehr dankbar für all die Menschen, die mich auf diesem Weg begleiten und die ER mir an die Seite gestellt hat.

Glaube, Liebe und Hoffnung. Alle drei sind nun wieder in meinem Leben lebendig.