Und dann war sie weg!

Eine Wendegeschichte – Launisch. Politisch unkorrekt. Subjektiv. – Live vorgetragen am Abend des 15. Mai 2016. Ort: Lagerfeuer im Eurocamp Am Helenesee, nahe Frankfurt (Oder).

Welche Wonne. Welche Sicherheit. Welch ein Friede!

Die Insel der Glückseligen. Tief im Osten und doch voll der Westen. Berlin in Klammern West. Ein Bollwerk der Freiheit. Umzäunt von einer Mauer.

Liebe Spätgeborene: Wenn man aus Westberlin raus oder nach Westberlin rein wollte, man musste auf dem Landweg zwei Grenzkontrollen passieren. Zuerst aus Berlin raus, in die DDR rein; später aus der DDR raus, in die BRD rein; oder umgekehrt.

Alle Siegermächte waren um uns besorgt. – Drei davon saßen mit uns auf der Insel: die Amis, die Franzmänner und die Inselaffen. Bis an die Zähne bewaffnet mit Burgern, Froschschenkeln und Fish’n’Chips. Sogar die Russen waren um uns besorgt. Sie beauftragten ihre sozialistischen Brüder und Schwestern, die Arbeiter und Bauern der Ostzone, eine Schutzmauer um Berlin in Klammern West aufzubauen.

Selbst die Flieger der Pan Am, British Airways und Air France durften in den drei Flugkorridoren maximal 3000 Meter hoch fliegen; damit sie nicht so tief fallen. Die Passagiere genossen Aufpreis-frei Rüttelmassagen im Flug durch die tiefhängenden Wolken.

Auf dem Landweg zeigten sich die Grenzsoldaten fürsorglich um uns bemüht. Regelmäßig fragten die Grenzer den Reisenden, ob er denn Waffen, Munition oder Funkgeräte bei sich hätte. Die Grenzer blickten immer so mürrisch, das ich nie wusste, soll das ein Angebot sein oder wollte er selber welche kaufen? Als ich einmal mit „Nein, danke!“ antwortete, wirkte der Grenzsoldat höchst desorientiert.

Unsere Nachbarn im Osten waren um die jungen Männer der entmilitarisierten Zone Westberlin so sehr besorgt, dass sie mit aller Macht den vollwertigen Anschluss Westberlins an die BRD zu verhindern wussten. Alle jungen Männer Westberlins hätten bei einem Anschluss an die BRD zur Bundeswehr gemusst. – Das konnten sie nicht zulassen! – Die armen Jungs durften doch nicht im Kampf für den Imperialismus geopfert werden. Nein, nein. Die sollten hübsch in der Stadt bleiben und für den Frieden demonstrieren.

Wie gesagt, dies Alles geschah zu unserem Schutz; aus Besorgnis um unser Wohlergehen.

Einfach Toll!

Mehr oder weniger regelmäßig fuhren wir als Familie auf Verwandtenbesuch nach Ostberlin. Nee! Wir reisten in Berlin Komma Hauptstadt der DDR ein. – Der Wilde Wilde Osten.

Das Wilde des Ostens, es war zu sehen; es zwar zu hören; es war zu riechen; und es war zu schmecken.

Bestückt mit knatternden 2-Takt-Motoren jagten die Trabbies, liebevoll auch Plastebomber genannt, durch die Straßen. Ihre Abgase zeichneten sich durch ein ganz spezielles Aroma aus unverbranntem Benzin und Zwei-Takt-Öl aus.

Den schnellen Hunger begleitete der Geschmack von Goldbreuler – so eine Art Grillhähnchen – und Grilletta – der DDR Hamburger. … Den Durst löschte die Club Cola oder das Aubi – das Autofahrerbier! In einer Zeit als im Westen das Clausthaler noch nach eingeschlafenen Füßen schmeckte, gab es in der DDR ein ordentlich schmeckendes, alkoholfreies Bier. Wild!

Visuell beeindruckte Berlin Komma Hauptstadt der DDR durch wahnsinnige Kontraste. Die Straßen und Gebäude auf dem Weg vom Staatsratsgebäude zur Bonzen-Enklave „Waldsiedlung Wandlitz“ waren meist hübsch gemacht und renoviert. Nur einen Steinwurf entfernt konnte man noch die Einschusslöcher des Zweiten Weltkrieg entdecken. Als Westberliner empfand man jedes Mal neu einen kleinen Kulturschock. Abseits der aufgemotzten Straßen sah es oft sehr ärmlich aus.

Dies war die Welt, in die ich 1964 hineingeboren wurde. Und 25 Jahre lang blieb der Status Quo erhalten.

Hübsch behütet wuchs ich auf der Insel der Glückseligen heran. 1983 begann ich in einem Warmwalzwerk meine Ausbildung zum Industriekaufmann. – Man muss sich das wirklich mal geben. Mitten in Reinickendorf, in Sichtweite des Flughafen Tegel stand ein Warm-walz-werk. Meilenweit entfernt von jeder Form von ernsthafter Stahlindustrie. Nun gut, ein Gutteil unseres Geschäfts machten wir mit der DDR. Stahl aus Finow wurde nach Berlin gekarrt und anschließend in deren Kaltwalzwerk Oranienburg zurück geschickt. Der überwiegende Rest jedoch kam aus Duisburg. Die Abnehmer unserer Produkte wohnten im wesentlichen im näheren Umfeld von Duisburg. Der Stahl kurvte also mal eben 1100 km von Duisburg nach Berlin und zurück; auf der Straße, auf der Schiene oder zu Wasser.

Das dieses Konstrukt nur leben konnte, weil es politisch gewollt und mit einer Unmenge an Geld gefördert wurde, sollte sich zeigen, als ich mitten im BWL-Abend-Studium steckte.

Doch noch stand die Mauer.

Ich plante meine Zukunft in dem Bewusstsein, dass diese Mauer ewig stehen würde. Kein Mensch, der nicht irgendwelche Drogen nahm, oder ein unverbesserlicher Optimist war, hätte selbst 1988 auch nur einen Cent verwettet, dass ihr Ende so schnell kommen sollte.

Und so kam er: der 9. November 1989. Ich weiß es noch, als wäre es Gestern gewesen. Die letzte Vorlesung des Abends dauerte etwas länger. Danach war ich mit einigen Kommilitonen noch auf ein Bier im Robbengatter. Kurz vor Elf traf ich zuhause ein und ging sofort ins Bett. Wie üblich stellte ich die Einschlafautomatik meines Radiowecker auf 30 Minuten und legte mich schlafen. Wegdösend hörte ich, wie von der Öffnung der Grenze an der Bornholmer Straße – nur wenige Kilometer von meiner Wohnung entfernt, berichtet wurde. Ich dachte, „was für ein blödes Sci-Fi-Hörspiel“, und schaltete das Radio aus.

Hübsch dumm guckte ich aus der Wäsche, als am nächsten Morgen die Bilder der vergangenen Nacht im Frühstücksfernsehen vorüber flimmerten. Es war real; KEIN Sci-Fi-Hörspiel.

Dem Schock folgte die Euphorie.

Am Abend des 10. November gab es eine große Versammlung vor dem Westberliner Rathaus in Schöneberg. Die großen politischen Köpfe der Bonner-Republik und Berlins standen auf den Treppenstufen vor dem Eingang des Rathauses. Im Bundestag oder Abgeordnetenhaus schlugen sie sich verbal die Köpfe ein; in diesem Moment standen der aktuelle Kanzler Helmut „die Birne“ Kohl, der Außenminister „Genschman“, der vorletzte Kanzler und ehemalige Regierende Bürgermeister Willie Brand, der ehemalige Regierende Ebi Diebken, sowie der gegenwertige Regierende Walter Mumpitz selig grinsend nebeneinander.

Im 10 Minuten-Takt wurden neue Straßen- und Ortsnamen genannt, an denen die Mauer geöffnet wurde. Jeder Name wurde frenetisch bejubelt. Nur ein Paar in Schwarz gekleidete Autonome versuchten die Stimmung zu vermiesen. Spätestens beim großen Finale waren die Miesmacher nicht mehr zu hören. Die dicht gedrängt stehenden Menschenmassen sangen die Nationalhymne. Nicht sehr schön, dafür aber ein sehr seltenes Ereignis.

Doch wie nach jeder Party mit zuviel Alkohol folgte auch nach diesen bewegenden, freudentrunkenen Tagen die Ernüchterung.

In der DDR war etwas in Bewegung geraten. Dieses Etwas war nicht mehr aufzuhalten. Die Elite der SED musste erkennen, dass ihnen alle Felle davon schwammen. Sie verloren in der Masse der Bevölkerung den letzten Rückhalt. Schließlich verloren sie sogar die Wahlen. Die nun tatsächlich vom Volk eingesetzte Regierung folgte dem Druck der Masse und betrieb mit aller Macht den Anschluss der DDR an die BRD.

Deutschland sollte wieder eins werden.

Diese unaufhaltsame Bewegung löste Ängste im Westen und im Osten aus. Im Westen fürchtete Mann den wirtschaftlichen Untergang ganz Deutschlands, weil die DDR praktisch pleite war. Im Osten bangte die Elite und ihre Mitläufer um ihre Macht und ihre Vorteile.

Richtig rund ging es nach dem 3. Oktober 1990. Die Bürger der neuen Bundesländer lernten eine ganz neue Angst kennen: Arbeitslosigkeit. Viele tatsächlich kaputte Unternehmen wurden geschlossen, andere gesunde Unternehmen wurden von Wendegewinnern bewusst kaputt gemacht. Der Stärkere killte den Schwachen. Es sollte viele Jahre dauern, bis diese Entwicklung langsam kippte und tatsächlich Dinge neu aufgebaut wurden.

Das war der Wilde Wilde Osten der Nach-Wende-Zeit.

Auch die Bewohner Westberlins mussten erkennen, dass die Zeit der Glückseligkeit vorbei war. Die Gelder der Berlinförderung wurden nach und nach in den Aufbau der neuen Bundesländer umgeleitet. Zusätzlich wurde der Soli erfunden. Die Einkommen in Westberlin erfuhren eine reale Schrumpfung, weil auch diese durch die Berlinförderung wesentlich gepimpt waren.

Aus der Euphorie wurde Wut. Wut auf die Brüder und Schwestern aus dem Osten, die plötzlich als Billig-Löhner und Gebrauchtwagen-Preistreiber in Erscheinung traten. Nicht wenige Westberliner riefen aus, dass sie die Mauer wieder haben wollten.

Ich erlebte ganz real wie auch mein Arbeitsplatz gefährdet wurde und schließlich verloren ging. Nachdem Mitte 1991 die Berlinförderung komplett weggefallen war, machte mein Arbeitgeber mit jeder gewalzten Tonne Stahl rund 80 DM Verlust. Umgerechnet wurden pro Schicht 18.000 DM Verlust eingefahren. Im Februar 1992 wurde die letzte Schicht gefahren. Ende September 1992 schlossen die Werkstore für immer. Was noch Anlagen da war, wurde demontiert und nach China verschifft.

Wir Westberliner mussten erkennen, wir waren keine Wessies mehr. Wir saßen mitten drin im Wilden Wilden Osten.

Wir waren Ossies!!!

Und damit war sie Weg! Die schöne, sichere Zukunft. Die Hoffnung, die Zuversicht, die Mauer. – Sie war einfach weg! … Und es gab Nichts, wirklich Nichts, das mich über den Verlust hätte hinweg trösten können.

Die nächsten 11 Jahre und so-und-so-viel-Monate würde ich am liebsten aus meiner Erinnerung streichen. Ich saß in einer dicken, fetten Depression fest. Keine Hoffnung in Sicht. Ein ekliger, dicker und fester Schleim hatte sich auf meine Gedanken gelegt. Keine Essen, kein Alkohol konnte diesen Schleim lösen. Obwohl ich es, weiss der Himmel wie oft, versucht habe.

Im Jahr 2003 geschah ein Wunder. Unser Himmlischer Vater nahm 22 Millionen US-Dollar in die Hand, um mich – nur mich – aus der Lethargie zu reißen. Im Dunkeln eines Kinosaals – in einer Halle, die Mal mein Arbeitsplatz war – erkannte ich plötzlich, dass es Dinge gibt, für die es sich lohnt zu leben und zu sterben. In einer Szene des Films LUTHER stehen die Fürsten vor dem Kaiser. Statt die Bibel in Deutscher Sprache und die neu gefundene Freiheit im Glauben aufzugeben, waren sie bereit zu sterben. Ich hatte keinen Grund zu leben.

Bei verlassen des Kinosaales, erklärte ich meinen Eltern mit unterdrückten Tränen: „Wenn der olle Luther sich mit dem Übersetzen der Bibel so viel Mühe gegeben hat, vielleicht lohnt es sich ja doch in den ollen Schmöker reinzugucken.“ Kurz entschlossen kaufte ich eine Stuttgarter Studienbibel und begann in 1. Mose 1, Vers 1 zu lesen. Ich lies keinen Vers und keinen Kommentar aus.

Nach etlichen Stunden Bibellesens und vielen Fernseh-Predigten saß ich am vierten Advent 2003 in der Kirche am Südstern. Mein vierter Live-Gottesdienst nach über 20 Jahren des Fernseiens von Gott. Ich wusste tief im Herzen, dass ich eine Entscheidung für oder gegen Jesus treffen musste. – Ich entschied mich für IHN.

Und dann war sie weg! … Die Angst vor dem Leben, die Angst vor dem Tod, … weg. Einfach weg! Es waren tonnenschwere Lasten, die wie Steine von meinen Schultern fielen, als ich daheim vor dem PC ein Übergabegebet in englischer Sprache betete. – Ich war frei!

Jetzt an Pfingsten, im Jahre des Herrn 2016, 12 Jahre nach meiner Erwachsenen Taufe, sind wir an diesem Ort nahe Frankfurt/Oder tief drin im Wilden Wilden Osten. Wild: Hier sitzen Leute die ich liebe. Noch wilder: Hier sind Menschen die ich ernsthaft Freunde nenne. Ganz wild: Ich geniesse mein Leben.

Und dann war sie weg! … Diese Trauer um den Verlust einer falschen Glückseligkeit, die definiert war durch einen Haufen Beton und Stacheldraht. Ich tauschte sie ein gegen das Original: Den Frieden, die Freude und die Hoffnung, die aus einem Leben mit und für Jesus kommen.

Shalom! …und gute Nacht!