„Und was ist mit mir?“ fragte Ulf seine Bandkollegen. Diese versuchten seinem enttäuschtem, verzweifelten Blick auszuweichen. Sie wollten ihn bei diesem TV-Auftritt nicht dabei haben.
Ulf war zu klein, zu dick und hatte Brillengläser, die normalerweise jedem Einweckglas als Boden dienen könnten. Doch war er der kreative Kopf der Band. Es war seine Musik und seine Lieder, die die anderen mittrug. Und jetzt diese Enttäuschung. Ein Fernsehsender war auf sie aufmerksam geworden. Eine junge Band, deren Mitglieder (bis auf Ulf) sehr stylish aussahen und dennoch Lieder über Gott und seinen Sohn Jesus sangen.
Ulf stand seinen Freunden gegenüber. Sie hatten sich um den Produzenten jener Talentshow gruppiert. „Kleiner, sieh es ein: Du würdest deine Freunde nur in ihrer Karriere behindern.“ Der Produzent, er hatte sich mit „nennt mich Jürgen“ vorgestellt, trug zu enge Jeans. Das T-Shirt klemmte in der Hose und ein Hemd hing lässig darüber. „Du passt nicht in unser Konzept“, flötete er und setzte seine Sonnenbrille auf.
Ulf wandte sich noch mal an seine Freunde. „Ich dachte wir sind eine Band, die füreinander einsteht.“ Connie guckte ihn an und sagte kalt, „Vergiss es“. Ulf verstand die Welt nicht mehr. Hatten doch Connie und er nächtelang an den Songs gefeilt. Und ausgerechnet sie wies ihn so zurück. Ulf griff seine Jacke und ging. Noch als er den Raum verließ, fingen die anderen angeregt mit „nennt mich Jürgen“ zu diskutieren an. Sie entwarfen Auftritt und Kostüme.
Es war Frühsommer, die laue Luft, die sein Gesicht umschmeichelte, konnte Ulf heute nicht genießen. Er war enttäuscht und STINKSAUER. Jedem Fahrrad, an dem er vorbeikam, trat er gegen den Hinterreifen. Als er an dem kleinen Supermarkt nahe seiner Wohnung vorbeikam, hielt er kurz an und ging dann hinein. Er kurvte ohne Umwege zum Weinregal. Noch vor einem halben Jahr hatte er dem Alkohol „für den Rest seines Lebens“ abgeschworen. Doch jetzt wusste er sich keine andere Lösung. Er versuchte sich einzureden, dass dies ja nur zum Genuss für diesen einen Abend seien sollte.
In den folgenden Wochen laß er immer wieder von seinen Freunden in der Zeitung. Sie wurden in der Presse geradezu als die „neuen Helden“ der Musikszene gefeiert. Nach jedem neuen Artikel, war die Anzahl der Weinflaschen größer, die den Weg in Ulfs Wohnung fanden. Dann setzte er sich vor seinen Fernseher und glotzte was ihm gerade vor die Nase kam.
Der Abend der ersten Show war gekommen. Vor Ulf stand inzwischen keine Weinflasche mehr. Er hatte sie inzwischen durch Whisky ersetzt. Es stand zwar eine Seltersflasche daneben, doch wusste Ulf genau, dass er von der Selters noch am nächsten Tag trinken würde. Die andere Flasche würde er, wie jeden Abend, durch eine neue ersetzen müssen. Ulf schaltete den Fernseher auf den Sender um, in dem die Show laufen würde. Als letzte Band waren seine Freunde an der Reihe. Sie waren die überlegenen Sieger des Abends und riefen in die Kamera, „Dank sei unserem Gott!“. „Welcher Gott?“ fragte sich Ulf. Es waren SEINE Texte und SEINE Musik, die sie da benutzten. Ihn aber hatten sie mit keinem Wort erwähnt.
In der Tat, welcher Gott könnte so etwas zulassen? Er war der kreative Kopf und ihn liessen sie hängen. Wo war denn da Gottes Gerechtigkeit? Ulf hätte kotzen können. Doch da er nur soff und kaum noch etwas essen wollte, war in seinem Magen nichts übrig, dass er hätte hervorbringen können.
Ulf wurde von seinem Selbstmitleid aufgefressen. Der Hass, den er inzwischen für seine Freunde empfand, war unbeschreiblich. Jetzt, eine Woche nach der ersten Sendung, verfolgte er nun die zweite Ausgabe mit scheinbarem Desinteresse. Jedesmal, wenn er den Whisky zu seinen Lippen führte, rief er: „Auf die Säcke!“ Bei jedem zweiten Schluck ergänzte er, „Mögen eure Kadaver den Orkus hinunter treiben.“Als er gerade den ersten Schluck aus der zweiten Flasche des Abends getrunken hatte, ging … nein … wankte er aufs Klo. Als er sich von dem „stillen Örtchen“ wieder erheben wollte, verlor er das Gleichgewicht und krachte mit dem Kopf gegen die Kacheln der gegenüberliegenden Wand. Mühsam raffte er sich auf, ging in sein Bett und fiel in einen komatösen Schlaf.
Am nächsten Morgen, es war gerade 12 Uhr, stand er auf. Er verspürte den dringenden Wunsch nach frischer Luft. Auf dem Weg zum nahegelegenen Park kam er an dem kleinen Supermarkt vorbei. Der Geschäftsführer winkte ihm zu. „Wir haben ihre Sorte Heute im Sonderangebot. Nur 4,99 die Flasche.“ Ulf lief rot an, auf der anderen Straßenseite sah er Connie gehen. So schnell er konnte, bog er um die nächste Straßenecke.
Connie war sehr aufgeregt, sie wollte zu Ulf. Mit ihm reden. Jedesmal, wenn sie in den letzten paar Tagen versucht hatte, ihn anzurufen, war besetzt. An diesem Morgen war sie mit einem Gefühl von Panik erwacht, das sie sich nicht erklären konnte. Aber irgendwie spürte sie, dass sie Ulf unbedingt finden musste. Deshalb war sie so früh wie möglich von Köln, dort wurde die Show aufgezeichnet, mit dem Zug nach Berlin gefahren.
An dem Haus angekommen, in dem Ulf wohnte, klingelte Connie Sturm. Als nach drei Minuten die ersten Fenster aufflogen und Nachbarn ihr zuriefen, dass der „Suffkopp“ vor ein paar Minuten gegangen sei, gab sie auf. „Ich muss nachdenken“, sagte sie mehr zu sich selbst. Langsam ging sie in Richtung Park. Ulf hatte ihr mal von einem Platz erzählt, den er liebte.
Auf dem Weg erinnerte sie sich an den Abend, an dem die Band Ulf in die Wüste geschickt hatte. An jenem Tag fand sie ihr Verhalten völlig OK. Schließlich bot man ihnen diese einmalige Chance. Da konnten sie sich doch von Ulf nicht aufhalten lassen. So ein Egoist, hatte sie gedacht. Schließlich hatte sie doch in nächtelangen Sitzungen den Liedern den letzten Schliff verpasst. Es waren also doch eher ihre Songs und nicht seine. So dachte sie zumindest an jenem Abend.
Am Tag nach der ersten Show hatte sie ihren Auftritt in der Wiederholung am nächsten Vormittag gesehen. Als sie sich und ihre Selbstgerechtigkeit beobachtete, wollte sie vor Scham im Erdboden versinken. Aber es tat sich kein Loch auf, also musste sie es aushalten. Während der Tage bis zur Aufzeichnung der zweiten Show sprach sie mit den anderen Bandmitgliedern. Schließlich beschlossen sie gegen den Rat des Produzenten, dass Ulf bei der dritten Ausgabe dabei sein sollte.
Connie näherte sich der Bank an jenem kleinen See, die Ulf ihr mal beschrieben hatte. Es war wirklich ein schöner Fleck Erde, den er sich hier ausgesucht hatte. Sie sah Ulf zusammengesunken auf der Bank sitzen. Unschlüssig, was sie sagen sollte, ging sie langsam näher. „Hey Ulf“, sagte sie einfach und setzte sich neben ihn. Ulf murmelte irgendwas Unverständliches, aber er sah sie nicht an.
Beide saßen ungefähr eine halbe Stunde nebeneinander, wortlos. Doch beinahe unmerklich rutschten sie näher zueinander. Als sich ihre Fingerspitzen ganz leicht berührten sagte Ulf kaum hörbar, „Bitte vergib mir.“ Hätte Connie nicht schon gesessen, es hätte sie umgeworfen. Ulf bat sie um Vergebung. Warum, und wofür? Sie und die Band hatten doch ihn sitzen lassen … oder vielmehr gehen lassen … NEIN, sie hatten ihn rausgeworfen. Und jetzt bat er sie um Vergebung.
Connie räusperte sich und fragte leise, „Was soll ich dir vergeben?“ Kleinlaut brummte Ulf, „Als ich euch im Fernsehen gesehen habe, da … da habe … da habe ich euch … hässliche Sachen gewünscht.“ Connie konnte ein breites Grinsen nicht unterdrücken. „Hässliche Sachen gewünscht? … Also ich hätte uns verflucht.“ Ulf hob erstmals den Kopf an und guckte zu Connie rüber. „Ich wollte, dass eure Kadaver den Orkus runtersegeln.“ Connie ergriff seine Hand, beugte sich etwas zur Seite und flüsterte ihm ins Ohr, „Ich vergebe dir.“ Ulf atmete deutlich vernehmbar auf.
„Hilfst Du mir, mich und meine Wohnung wieder auf Vordermann zu bringen?“ fragte Ulf. „Ja, unter einer Bedingung“, entgegnete ihm Connie. Ulf blickte sie fragend an. „Vergibst Du denn uns? … Ich meine, kannst Du mir vergeben?“ mit erwartungsvollem Blick schaute sie ihn an. Ulf schniefte kurz und wischte sich eine Träne weg. Dann sagte er nur, „hab ich längst.“ „Längst?“ „Vor einer Minute…“
Der Abend der dritten, entscheidenden Show war gekommen. Nachdem sie als Band gemeinsam gebetet hatten, freuten sie sich auf die Sendung. Hochnervös standen sie nun zum ersten Mal gemeinsam auf der Fernseh-Bühne. Sie waren diesmal die ersten. Ulf und Connie waren als Leadsänger aufgestellt. Es war zweifellos der beste Act des Abends. Sie spielten und sangen voller Leidenschaft. Doch am Ende der Show erhielten sie die wenigsten Stimmen des Tele-Voting. Sie waren grandios gescheitert. Spät am Abend verließen sie das Studio und kamen an „nennt mich Jürgen“ vorbei. „Hab ich euch doch gesagt!“ war sein Kommentar. Am Ausgang stand noch ein einzelner Reporter von so einem Klatschblatt. „Wie fühlt ihr euch nach so einer Niederlage?“ wollte der wissen. Connie sagte stellvertretend für alle anderen: „Für uns als Band war es der größte Sieg. Wir wissen jetzt wo wir wirklich hingehören.“
Sie gingen direkt zum Bahnhof. Am nächsten Morgen besuchten sie gemeinsam in ihrer Gemeinde den Gottesdienst. Anschließend saßen sie noch lange plaudernd im Kirchencafé zusammen und genossen die gemeinsame Zeit.