Vor wenigen Tagen beging ich meinen siebzigsten Geburtstag. Beging, nicht feierte. Zum Feiern war meiner Familie, meinen Freunden und mir nicht zu Mute. Hatten wir uns doch kurz zuvor in Charlottenburg, bei der Sprengung der vorletzten Kirche Deutschlands, wiedergetroffen: am 8. Oktober 2036. Die Sonne strahlte vom Himmel mit aller erdenklicher Pracht. Dieser Anblick wollte so gar nicht zu den Ereignissen passen, denn es war einer der schmerzlichsten Augenblicke in unseren Leben. Mussten wir doch miterleben, wie ein Zeugnis dessen, was wir am meisten liebten, für immer zerstört wurde. Gut 2000 Jahre nach dem größten Sieg aller Zeiten, als die Hoffnung und Gewissheit für ein ewiges Leben in unsere Welt gekommen war, schienen sich die dunkelsten Prophetien zu erfüllen. Verzweiflung und Trauer drangen in jede einzelne Zelle unserer Körper ein, als sich die Rauchwolke der Sprengung verzogen hatte. Im schönsten Licht lagen die Trümmer dieses wundervollen Gebäudes vor uns. Karl, der direkt neben mir stand, meinte kopfschüttelnd: „Das es so enden würde …, hätte ich mir in meinen schlimmsten Alpträumen nicht vorstellen können.“ „Enden?“ fragte ich ihn mit gespieltem Optimismus. „Ist nur ein Tiefpunkt.“ Karl äusserte etwas, das irgendwo zwischen einem Räuspern und einem unterdrückten, bitteren Lachen lag. „Denk doch nur an die letzten Jahre. Denk an die vielen neuen Geschwister in Indonesien,“ versuchte ich mir auch selber Mut zu machen. Doch der Schmerz des Augenblickes überwältigte mich…
Die letzten siebzehn Jahre waren wir in ununterbrochenem Missionseinsatz. Voller Eifer und Freude reisten wir durch die Welt, um den Menschen vom Evangelium zu erzählen. Wie der Apostel Paulus während seiner Reisen durch das Römische Reich, erwirtschaftete jeder von uns den Lebensunterhalt durch seinen erlernten bzw. ausgeübten Beruf. Ich war Kaufmann, so organisierte ich in den neu gegründeten Gemeinden die Büroarbeit. Half bei der Strukturierung der Finanzen und der Buchhaltung. Nebenher schrieb ich noch das eine oder andere Buch und war freier Autor einiger christlicher Magazine. Doch über unseren Einsatz vergaßen wir unsere Heimat.
Während die neuen Gemeinden wuchsen, fing unser Land buchstäblich an vor die Hunde zu gehen. Der vermutlich neue Kanzler unseres Landes bemühte sich nichteinmal, sein hundert Jahre altes Gedankengut zu verheimlichen. Nur, dass seine „Lieblingsfeinde“ längst in die U.S.A. und nach Israel ausgewandert waren. Auf dem Weg zurück in die Stadt meiner Geburt, hatte ich mit einem meiner jüdischen Freunde telefoniert. Er erzählte: „Otto von Braun, der ‚Kandidat der Hoffnungslosen‘, sein Name ist Programm. Ganz offen hat er angekündigt, uns endgültig auslöschen zu wollen. Seine Villa am Wannsee hat er in ‚Wolfsschanze‘ umbenannt. Die Bundesversammlungen ihrer Partei nennen sie Reichsparteitage. Wo der Typ auftritt, wird ihm zugejubelt. Unglaublich, oder? … Eins sage ich Dir, wir haben unsere Geschichtsbücher gelesen. DIESMAL ist nicht einer von uns in Berlin zurück geblieben. Sollen sie doch wieder durchs Brandenburger Tor marschieren. Wir stehen ihnen diesmal nicht als Opfer zur Verfügung.“
Dabei hatte alles im Berliner Sommer 2006 so unglaublich verheissungsvoll begonnen. Während der Fußballweltmeisterschaft waren über zwanzigtausend Missionare in Deutschland unterwegs. Die „Bekehrungsraten“ sprengten alles vorher gesehene. Gemeinden wuchsen, neue wurden gegründet. Praktisch jedes noch so kleine Dorf wurde von der Welle erfasst. Deutschland suchte nicht mehr den Superstar. Es hatte IHN gefunden!
Noch im Herbst 2005 waren wir in unserer Gemeinde dankbar für den Besuch der Brüder aus Uganda, die uns mit ihrer intensiven Art zu beten auf eine ganz besondere Art herausforderten. Mit Mission und Evangelisation hatte ich damals noch nichts am Hut, dachte ich. In dieser Zeit aber wurde ich gebeten, einige Texte und Schriften für einen Missionsverein durchzusehen. So dauerte es nicht lange und ich steckte mitten in der „Evangelisationskiste“ drin. Während der WM 2006 liessen wir buchstäblich die Kuh fliegen. Wir verkündeten die Botschaft in ganz Deutschland. Eine Welle dessen, was im Kirchsprech „Erweckung“ genannt wird, brach los. Jeden Monat kamen tausende zum Glauben. Ende 2009 waren von 80 Millionen Deutschen sensationelle 51 Millionen bekennende(!) Christen. Und das für mich Verrückteste war, es gab eine funktionierende Ökumene in unserem Land. Katholiken, Evangelische und Freikirchler feierten sogar gemeinsam das Abendmahl. Es waren wirklich Biblische Zeiten, die wir erlebten. Auch wirtschaftlich ging es unserem Land immer besser. Natürlich versuchte jede der großen Parteien sich die wirtschaftliche Entwicklung auf ihre Fahnen zu schreiben. Doch wir waren uns sicher, wem wir dies verdankten.
Eine kleine Partei, die bis 2005 eher durch unfreiwillig komische Werbespots auffiel, gewann 2013 die Wahlen zum Bundestag: die CFD (Christus für Deutschland). Was anfänglich als ein großer Sieg gefeiert wurde, mündete nach siebzehn Jahren ununterbrochener Macht im Chaos. Doch hier greife ich zu weit vor.
Nachdem die WM vorbei war, reiste ich in mit der Jugendgruppe einer Kreuzberger Gemeinde auf die Krim. Die Krim war in der Zeit vor 1989 vor allem durch den dort produzierten Sekt bekannt. Wir predigten und beteten, bis unsere Stimmbänder den Dienst versagten. Es geschahen Dinge, die der geneigte Leser vermutlich als Hokus-Pokus abtuen wird. Doch diese Dinge waren real. Wir erlebten das im Johannes-Evangelium Versprochene: „Amen, ich versichere euch: Wer im Glauben mit mir verbunden bleibt, wird die gleichen Taten vollbringen, die ich tue. Ja, er wird noch größere Taten vollbringen, denn ich gehe zum Vater.“ (Joh. 14,12) Wir beteten und Lahme liefen, Blinde sahen. Tote standen wieder auf. Was in der Bibel geschrieben stand, erlebten wir. Derartig motiviert, kam jeder von uns mit einer neuen Vision für sein Leben nach Hause zurück.
Ich kehrte von der Reise nicht nur mit einer Vision nach Hause zurück. Während der Reise hatte ich Carola besser kennen gelernt und mich in sie verliebt. Sechs Monate nach der Reise haben wir geheiratet. Carola war rund 17 Jahre jünger als ich. Immer wenn sie mich ärgern oder veralbern wollte, nannte sie mich „alter Mann“. So nannte sie mich auch, als ich ihr von meiner Vision erzählte. Diesmal folgte noch ein aufmunterndes „Du spinnst“. Meine Vision war es, in der Politik mitzumischen, um die Veränderungen in unserer Stadt direkter mitgestalten zu können. Doch ich wusste, ich konnte dies nicht in einer der großen etablierten Parteien tun. Selbst, wenn mindestens eine das „C“ im Namen trug, so hatte diese (nach meinem Empfinden) ihr „C“ längst vor die große Parteizentrale gestellt und vor der Tür vergessen.
Viele meiner Freunde, und erst recht einige in meiner Familie, hielten mich für völlig durchgedreht, als ich mich in der CFD zu engagieren begann. Für die Wahlen zum Abgeordnetenhaus in 2006 bekamen wir zwar keine Zulassung, doch floppte die wiedergewählte rot-rote Koalition 2008 endgültig. Mit der wachsenden Zahl bekennender Christen wuchs auch die Popularität der CFD. Es war ein Erdrutschsieg. Wir hatten die absolute Mehrheit errungen und plötzlich Probleme, alle Abgeordnetenhaussitze zu besetzen. Unser Parteivorsitzender ließ sich am Wahlabend dazu hinreißen, Ernst Reuter zu zitieren: „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!“ Als er dies sagte, stand ich neben ihm und wäre gerne im Erdboden versunken. „Vater, schenke Friedhelm Demut,“ dachte ich, während die Blitzlichter der Pressefotografen ein Feuerwerk abbrannten.
Obwohl ich mich mit Händen und Füßen wehrte, wurde ich zum Fraktionsvorsitzenden gewählt. Ich erhielt nur zwei Gegenstimmen. Meine besten Freunde in der Partei, Till und Tobias hatten gegen mich gestimmt. Ich war ihnen dafür sehr dankbar und hätte mir gewünscht, sie hätten die Mehrheit der Fraktion auf ihre Seite ziehen können. Wollte ich doch nicht im Vordergrund stehen, sondern aus dem Verborgenen agieren. „Denkste Puppe,“ wusste schon der Volksmund.
„Herzliches Beileid, alter Mann,“ sagte Carola nach der Wahl. „Dieser Sieg wird uns einiges Kosten, nicht wahr?“ Meine Frau erwartete unser erstes Kind. Ausgerechnet die, die ich unter den Menschen am meisten liebte, mussten unter meinem neuen Amt leiden. Kaum, dass ich Zeit zu Hause verbrachte. Ich war nicht bei den ersten Schritten unserer Tochter und unseres zwei Jahre später geborenen Sohnes dabei. Gelegentlich fragte ich den HERRN, zu welchem Zweck dies geschah. Bis Heute habe ich darauf keine, für mich verständliche, Antwort erhalten. Obwohl widerwillig, so war ich doch bei der Leitung der Fraktion recht erfolgreich. Ich achtete darauf, dass wir gemeinsame Gebetszeiten hatten und alle wichtigen Entscheidungen und Themen vor Gottes Thron brachten.
Kurz vor Ende der Legislaturperiode fragte mein Sohn eines Morgens, als ich ausnahmsweise Mal zu Hause frühstückte: „Mama, wer ist der Onkel da?“ „Der alte Mann da? Das ist dein Vater, oder das was davon übrig ist,“ war Carolas trocken zynische Antwort. Ich nippte gerade an meinem Morgenkaffee. Beinahe hätte ich ihn quer über den Frühstückstisch gehustet. Sichtbar geschockt, verkündete ich während der Fraktionssitzung am Nachmittag meinen Rücktritt. Till und Tobias johlten, pfiffen und applaudierten. Der Rest war sprachlos. Friedhelm stammelte: „D… Das … das kannst Du uns nicht antun. Wer soll jetzt die Fraktion zusammenhalten?“ „Das packt ihr schon,“ gab ich zurück. „Der Zusammenhalt meiner Familie ist mir wichtiger.“
In der Presse wurden die wildesten Gerüchte über parteiinterne Streitigkeiten diskutiert, obwohl ich den wahren Grund in einer Pressekonferenz und zahlreichen Interviews genannt hatte. Am übernächsten Tag stand Till vor unserer Tür und winkte mit der neuesten Ausgabe der BZ. „Guck dir das an“, lachend und mit Tränen in den Augen stand er vor mir. Vom Lachen erschöpft, berichtete er keuchend: „Ich … Ich soll hinter deinem Rücken Intrigen angezettelt haben.“ „Ich wusste schon immer, dass Du mit mit einem gewissen Iskariot verwand bist,“ antwortete ich ihm mit breitem Grinsen. „Blöder Kerl,“ gluckste Till. Zum Glück kannte er meinen Hang zu sarkastischen Bemerkungen. Und so fielen wir uns in die Arme und konnten kaum aufhören zu lachen. Ich bemerkte einige Reporter, die schon die ganze Nacht vor unserem Haus in Borsigwalde rumgehangen hatten. Sie standen mit offenen Mündern da und verstanden die Welt nicht. Sie vergaßen sogar zu fotografieren, als Till und ich uns ihnen zudrehten und begeistert winkten.
Nach langer Zeit konnte ich endlich mit meinen Kindern spielen und rumtoben, ohne auf die Uhr gucken zu müssen. Meine Frau hielt diese „historische“ Szene mit der Videokamera für das Familienarchiv fest. Plötzlich stand meine Tochter auf, ging zum Sideboard im Wohnzimmer und hob das Handy hoch.“Willst Du jemanden anrufen?“ fragte ich. „Nööö,“ kam von ihr voller Unschuld zurück, während sie das Telefon ausschaltete. „Die Nervbacken sollen nicht mehr anrufen.“ ‚Nervbacken‘, so hatte Carola die Fraktionskollegen in den letzten zwei Jahren genannt. Ich folgte ihrem Beispiel und zog das Festnetztelefon aus der Steckdose.
Eine oder zwei Wochen nach dem Rücktritt saßen Carola und ich mit einigen Freunden zusammen. Wir feierten meine „Befreiung“. Carola blickte irgendwann ganz verträumt durch den Dampf des Fonduetopfes in meine Richtung. „Warum lebst Du jetzt nicht deinen Traum?“ fragte sie mich. „Der Kutter… Natürlich, ja…“ Das hatte ich beinahe vergessen. „Das ist es!“ rief ich voller Begeisterung. Unsere Freunde guckten verdutzt. „Ach ja, die evangelistische Hafentournee,“ dämmerte es dann Tobias. Tills Sohn fing an, leise zu meckern, als sein Vater nicht mehr mit den Knien wippte. „Wenn der Kutter Platz für zwei Familien bietet, bin ich dabei!“ „Unter drei Familien ist nichts zu machen,“ meinte Tobias und grinste von einem Ohr zum anderen.
Da ich selbst eine Rot-Grün-Schwäche hatte, konnte ich nicht der Käpt’n des Kutters werden. Romina (Tills Frau) und Carola hatten durch ihre Vorfahren Salzwasser im Blut. Beide besaßen auch eine Lizenz, um Schiffe in Küstennähe und auf der Ostsee zu führen. Nun packte beide der Ehrgeiz und sie schickten sich an, den Schein für die „große Fahrt“ zu erwerben. Wir hatten zwar noch kein Schiff und auch keinen Plan, wie wir den Kutter finanzieren sollten, doch wir stürzten uns in die Vorbereitungen. Während die Mädels die maritime Schulbank drückten, kümmerten wir Jungs uns um Problem Nummer Zwei: das Schiff.
Mit unseren Kindern im Schlepp, klapperten wir nacheinander die Berliner Häfen ab. Nach nur wenigen Tagen fanden wir ein … Nun, was auch immer es war: Es schwamm! Länge, Breite und das, was jetzt noch Laderäume waren, entsprachen den Maßen, die wir uns vorstellten. Und es war ohne Mega-Kredit finanzierbar! „Bringt das Drecksding hier weg, dann könnt ihr damit machen, was ihr wollt“, meinte der Hafenmeister. In einer befreundeten Gemeinde gab es einen alten Schiffsbauer. Paul guckte sich das Ding an und meinte: „Ihr habt Mut, das muss man euch lassen.“ Erst grinste Paul, dann fing er an zu lachen und kriegte sich kaum noch ein. Es brauchte einige Minuten, dann holte er tief Luft, beruhigte sich wieder und sagte: „Wie viel Jahrzehnte habt ihr für den Umbau vorgesehen?“ Tobias und ich antworteten voller Optimismus: „4 Monate, warum?“ Paul tippte nur mit dem rechten Zeigefinger an seine Stirn. Aus den vier Monaten wurde dann doch ein Jahr. Das wir nicht noch mehr Zeit brauchten, war unter anderem Friedhelm geschuldet.
Friedhelm hatte meinen Rücktritt nach einigem Murren akzeptiert und verriet mir in einer ruhigen Minute: „Ich beneide dich irgendwie.“ Friedhelm kannte immer jemanden, der jemanden kannte. Er war halt der perfekte Politiker. Und so bekamen wir Verbindung zu den Schiffsbauern der Technischen Universität. Die Studenten waren Feuer und Flamme, als sie von unserem Umbau hörten. So wurde aus dem Umbau ein Studienprojekt. Die Studenten entrosteten, entmüllten, lackierten den Rumpf und entwarfen einen neuen Antrieb und neue Innenräume. Stahl für die neuen Decksaufbauten bekamen wir aus Eisenhüttenstadt. Dort gab es mittlerweile mehrere christliche Geschäftsführer. Und den Stahl konnten sie als Spende absetzen, da unser Schiff unter der Fahne unserer Gemeinde schwimmen sollte. Am Ende bezogen drei Familien ihr schwimmendes Heim. Für unsere Kinder kam noch eine arbeitslose Lehrerin an Bord, die kurz zuvor bei einem Gottesdienst dieses Projekt kennengelernt hatte.
In den nächsten 5 Jahren bereisten wir von April bis September die Ostsee. Im Oktober reisten wir über Kanäle und Flüsse ins Mittelmeer. Adria, östliches Mittelmeer und das Schwarze Meer waren unser Revier. Im März ging es in die entgegengesetzte Richtung. Es war eine spannende Zeit, um das Evangelium zu verbreiten. Abwechselnd flogen wir immer wieder zurück nach Hause. Dort sammelten wir auf Vortragsreisen Gelder, um unser Schiff am Schwimmen zu halten. 2019 hatten wir dann den Eindruck, dass die Luft raus war. Wir brachten das Schiff zurück nach Berlin. Dort wurde es zu einem Hausboot umgerüstet und ging für immer vor Anker. Eine WG aus Mitgliedern zweier befreundeter Gemeinden zog dort ein. Doch bevor der Umbau begann, feierten wir noch eine riesige Abschlussfeier. Ein letztes Mal bauten wir unsere kleine mobile Bühne auf, verschiedene Bands spielten. Die unvermeidlichen Reden wurden geschwungen, natürlich redete auch Friedhelm. Er war gerade zum dritten Mal zum regierenden Bürgermeister gewählt worden.
Wir drei Familien waren durch dieses Projekt ziemlich bekannt geworden und erhielten weltweit Einladungen in Gemeinden Vorträge zu halten und zu predigen. So begann jede Familie auf einem anderen Kontinent mit ihrem Auslandsdienst. So sehr wir in diesem Dienst die Probleme und Notwendigkeiten unserer Gastländer erkannten, so wenig behielten wir unser Heimatland im Auge. Und so wurden wir erst siebzehn Jahre später von den Ereignissen eingeholt. Kurz vor dem Sieg bei der Bundestagswahl 2029 begann die Mehrheit der CFD sehr radikale Ansichten zu vertreten, die nicht nur gelegentlich Gruppen mit einem „alternativen Lebensstil“ verprellte. Anstatt ihnen mit der Liebe Christi zu begegnen, wurde begonnen, ihnen die Bibel um die Ohren zu hauen. Viele kreative und innovative Menschen verliessen unser Land. Dies schadete ihm sehr. Sie führten die Menschen nicht zu einem liebenden Gott, sondern vertrieben jeden Einzelnen. Eines der wichtigsten Gebote, „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!“ (Math 22,39), hatten sie mit den Füßen getreten. Es besiegelte ihr Schicksal. Weniger als ein Jahr nach den Wahlen musste die Regierung zurücktreten. Eine Koalition, die 2005 noch eher satirisch in Erwägung gezogen wurde, übernahm nach Neuwahlen die Regierung: die Jamaika-Koalition.
Als dies geschah, war ich gerade in Indonesien und einigen arabischen Ländern unterwegs. Daher kenne ich die Ereignisse der Zeit nur aus Telefongesprächen und Internetnachrichten. Nach der Vereidigung kündigten der neue Bildungsminister und der Innenminister einen Kampf gegen den „christlichen Fundamentalismus“ an. Doch daraus entwickelte sich viel mehr. Anfänglich demonstrierten nur kleine Gruppen vor den bekanntesten Kirchen. Doch innerhalb weniger Wochen weiteten sich die Proteste so stark aus, dass der Besuch eines Gottesdienstes nur unter Polizeischutz möglich war. Der Bundesinnenminister wirkte auf seine Landeskollegen ein und so wurde der Polizeischutz eingestellt. Nur 7 Monate nach Amtsantritt der neuen Regierung mussten siebzig Prozent aller Gemeinden wegen Mitgliederschwundes aufgelöst werden.
Bis dahin fühlte sich alles nach einer extrem heftigen Gegenbewegung zu der Erweckung der zwanzig Jahre zuvor an. Langsam aber stetig gewannen Wahrsagerei und andere okkulte Praktiken neue Anhänger. Im Jahr 2033 schliesslich, wurde die „Gemeinschaft der Kinder Delphies“ als eigenständige Religionsgemeinschaft anerkannt. Sie beriefen sich auf die alten griechischen Sagen und verehrten offiziell die Götter des Olymp. Gerüchte sagten, das dies alles nur Fassade sei. Vielmehr solle sich die Gruppe mit „weißer und schwarzer Magie“ beschäftigen und okkulte Rituale der heftigsten Sorte ausüben. Auch wurde behauptet, dass die Leiter dieser „Gemeinschaft“ tatsächlich die „Weiße Hexe“ anbeten würden. Ich muss gestehen, da es sich eben nur um vereinzelte Gerüchte handelte und in etablierten Medien nicht bestätigt wurde, hielt ich diese Behauptungen für ausgemachten Unsinn. „Da hat jemand zu viel Harry Potter gelesen“, dachte ich.
Unsere Gemeinde in Malaysia schickte vor zweieinhalb Jahren einige Missionare zur Erkundung nach Berlin. Als sie beinahe ein Jahr später zurück kamen, war ich über ihre Berichte entsetzt. Mak Chai und Wan Azizah berichteten: „Wir waren in allen großen Städten eures Landes. In Deutschland gibt es keine der alten Religionen mehr. Keine Christen, keine Juden, noch nicht einmal Moslems konnten wir finden.“ Alle 3 Religionen, die sich auf den einen Gott beriefen, waren verschwunden. „Wir sind einigen versprengten Buddhisten begegnet, mehr nicht.“ Kurz nach der Rückkehr der Missionare sahen wir im Internet entsetzliche Bilder von gesprengten Kirchen. Neben vielen kleineren, unbekannten Bauten waren die ersten der … mir ist jetzt noch Schlecht … der Berliner Dom und die Frauenkirche in München.
Wir mussten zurück in die Heimat, um zu verhindern, was noch zu verhindern war. Fliegen war mittlerweile eine echte Luxustransportart, daher nahmen wir eine der neuen Brennstoffzellenfähren, die jetzt zwischen den Kontinenten verkehrten. Über Satellitentelefon nahmen wir Verbindung mit unseren alten Freunden auf. Wir machten unsere gemeinsame Heimatkirche, die auch leer stand, als Treffpunkt aus. In Bremerhafen betraten wir nach einer kleinen Ewigkeit wieder deutschen Boden. Die alten Auswandererterminals hatte man von den Spinnweben befreit und für die neuen Fähren umgebaut. Wir brauchten zwei Wochen, um von Bremerhafen nach Berlin zu gelangen. Auch transporttechnisch war das Land vor die Hunde gekommen. So liefen wir die meiste Zeit. Ab und zu nahm uns ein Pferdefuhrwerk einige Kilometer mit. Die wenigen Busse waren für uns unbezahlbar, hatten wir doch unser letztes Geld für die Fähre ausgegeben.
Was wir am Wegesrand sahen, konnten wir nicht begreifen. Viele Dörfer waren verlassen. In jeder Stadt stand ein Drittel der Häuser leer. Die Straßen und Autobahnen, Bahngleise, alles war in einem desaströsen Zustand. Die Einkaufszentren, die zwischen 1990 und 2010 wie Pilze aus dem Boden schossen, standen ausnahmslos leer. Jeder, der irgendwie dazu in der Lage war, hatte das Land verlassen. Einige wenige hatten sich nach Skandinavien und in die baltischen Staaten durchgeschlagen, noch bevor diese die Grenzen dicht machten. In diesen Ländern konnte man noch menschenwürdig leben. Und es gab auch noch hinreichend Arbeit. Andere versuchten sich nach Afrika durchzuschlagen. Ein Witz der Weltgeschichte: Deutsche suchen zu tausenden Arbeit … in Afrika!
Wer in Deutschland blieb, suchte ein wenig Brachland für sich zu reklamieren und Landwirtschaft zu betreiben. Da viele von Ackerbau und Viehzucht keine Ahnung hatten, war es ziemlich chaotisch, was sich auf den Feldern abspielte. „Trostlos“, schluckte Carola. „Ja, ist es.“ Mir fiel nur Einsilbiges dazu ein. Ich weiß nicht mehr genau welches Gefühl überwog, Trauer oder Wut. Unsere Kinder hatten während unserer Reisen ihre Ehepartner kennengelernt. So war es eine kulturell bunte Gruppe, die sich auf Berlin zubewegte. Um uns Mut zu machen und die Hungergefühle zu vertreiben, sangen wir Anbetungslieder aus Deutschland, Malaysia und Indien.
In all dem Chaos hatten wir ein wenig Glück. Jeden Abend fanden wir eine Unterkunft, manchmal nur ein Ballen Stroh in einer Scheune. Wenn ich in die Gesichter unser Gastgeber sah, wuchs in mir ein wenig Hoffnung. Obwohl sie arm waren und oft von der Hand in den Mund lebten, so waren sie zuvorkommende Menschen und teilten ihre Vorräte großzügig mit uns. Wir erzählten ihnen von unserem Glauben und unseren Erlebnissen weltweit. Die meisten staunten nur, doch einige fanden zu Gott zurück. Wenn wir auch keine wirkliche Antwort auf die oft gestellte Frage geben konnten, warum Gott den Untergang Deutschlands zuließ, so erkannten sie zumindest die Gleichzeitigkeit des Niedergangs und der Abkehr des Landes von IHM. Doch meinten die meisten: „Ihr wollt nach Berlin? … Warum? … Von dort ging der Untergang aus. Die Stadt ist noch kaputter als unsere Dörfer. Jedes zweite Haus steht dort leer. Brutale Banden beherrschen jeden Strassenzug.“ Als wir von Süden aus die Stadt betraten, dämmerte es bereits und wir erkannten, was sie gemeint hatten. Eingeworfene Scheiben beherrschten selbst in den Villenvierteln die Szene. Pappe ersetzte das Glas vieler Fenster. Wir sahen kaum Menschen in den Strassen. Wenn wir einen Menschen in der Ferne entdeckten und auf ihn zugehen wollten, verschwand dieser sofort in irgendeinem dunklen Winkel und versteckte sich.
Wir schrieben jetzt den 12. Oktober 2036. An diesem Sonntag sollte auch die letzte Kirche in Berlin, in Deutschland, dem Erdboden gleichgemacht werden. Es war gerade 5 Uhr am Morgen. Wir hatten die letzte Nacht in einem leerstehenden Gebäude nahe der Kirche verbracht. Harry und Karl, die mit ihren Frauen und den Familien ihrer Kinder einige Tage vor dem Rest von uns in der Stadt angekommen waren, hatten es entdeckt. Till, Romina, Tobias und Steffi waren erst vor einigen Stunden eingetroffen. Wir waren jetzt 40 Erwachsene und einige Kinder. Unser Entschluss stand fest. Wir wollten uns den Abrissbackern in den Weg stellen. Es war zwar beinahe lächerlich, doch was Menschen lächerlich erscheint…. Naja, wie gesagt, wir hatten schon oft erlebt, dass Gott aus den verrücktesten Situationen etwas machte.
Es war schon dunkel, als wir Gestern unser Quartier erreicht hatten. Doch im ersten Licht dieses Tages erkannte ich beim Verlassen des Gebäudes, wo wir waren. Es war der ehemalige Flughafen Tempelhof. Tobias schüttelte den Kopf und meinte trocken: „Statt Kerosin gibt es da jetzt Getreide, Kartoffeln und Gemüse. Wahnsinn. … Weist Du was mich fasziniert?“ Ich guckte ihn fragend an. „Der Bau hier ist bei Licht betrachtet nahezu unverändert. Ausgerechnet die Ideologie der geistigen Ur-Großväter unseres Möchtegern-Kanzlers und ihr Beton scheinen für die Ewigkeit geschaffen worden zu sein.“ Ich nickte nur kurz und machte die ersten Schritte in Richtung unserer alten Heimatkirche. Während wir uns unserem Ziel näherten, schmerzten mir sämtliche Knochen. Die Nacht in dem unbeheizten Gebäude hatte meiner Arthrose nicht gut getan. Jeder Schritt war eine Qual und so kam ich nur langsam vorwärts.
Kurz nach 7 Uhr standen wir vor unser alten Kirche. Sie sah schlimm aus. Den ersten und zweiten Weltkrieg hatte sie überstanden. Aber in den letzten Jahren hatte sie arg gelitten und stand seit einem Jahr leer. Harry raunzte mir zu: „Ich hab‘ gehört, dass nur noch ein paar Obdachlose hier ab und zu drin hausen.“ Ein Kran mit einer riesigen Kugel am Ausleger war gerade aufgerichtet worden. Drei oder vier Bagger waren in Bereitschaft, um den Schutt zu bewegen. Karl deutete auf eine bestimmte Stelle an der Mauer: „Ungefähr dort wird die Abrisskugel einschlagen.“ Till guckte in die Runde und schlug vor: „OK, stellen wir uns so auf, dass die Kugel genau über unseren Köpfen einschlagen würde.“ Wortlos folgten wir der Aufforderung. Ein Mann in einer Art Zaubererumhang kam auf uns zu. Ich konnte mir nicht helfen, aber ich musste wieder an jene Romane um den Zauberlehrling denken, die ich einmal verschlungen und nach meiner Umkehr zu Gott im Müll versenkt hatte. Doch war dieser Anblick kein bisschen witzig. Der Typ schien es todernst zu meinen. Ein fieses Funkeln seiner Augen bereitet seine Ansprache vor. Mit rauher Stimme verkündete er: „Verschwindet! Eure Zeit ist abgelaufen.“ Irgendwoher kannte ich den Menschen. Konnte ihn aber nicht einordnen. Er fuhr fort: „WIR, die Söhne und Töchter der Weißen Hexe, regieren in dieser Stadt. Wir reissen euren Tempel ein.“ Auf einmal wusste ich es wieder. Er hatte auf einem der Fotos im Internet hinter dem Möchtegern-Kanzler gestanden. Ich spürte auf einmal einen Zorn und eine Stärke in mir, die ich schon lange nicht mehr wahrgenommen hatte. Die Schmerzen der Arthrose waren auf einmal wie weggewischt. Gemeinsam und wie aus einem Mund brüllten wir dem Zauberer und seinen Begleitern entgegen: „Im Namen des lebendigen Gottes und seines auferstandenen Sohnes: DIESES HAUS GEHÖRT UNS!“
Der Zauberer fiel wie von einer Faust getroffen zu Boden. Ohne ein weiteres Wort gab er seinen Begleitern ein Zeichen. Die Motoren der Abrissbagger und des Krans wurden abgestellt. Eine große Menschenmenge beobachtete das Schauspiel und begann Wetten abzuschliessen. Die Gneisenaustrasse war noch umlagerter als in den Zeiten, da noch der Karneval der Kulturen hier durchzog. Diese Menschen hatten offensichtlich großen Spass an dem, was sie beobachteten. Wir ließen uns nicht irritieren und gingen in die Kirche hinein. Ein großes Gejohle und Geschrei begleitete unseren Einzug. In der Mitte des Kirchenschiffes knieten wir nieder. Uns an den Händen haltend, fingen wir an zu beten. Erst betete jeder leise das Vater Unser. Danach sprachen wir aus der Tiefe unserer Herzen und mit aller Kraft unserer Lungen eines unser alten Erweckungsgebete:
Es ist die Zeit!
Oh Herr, es ist die Zeit für ein neues Pfingsten.
Es ist die Zeit, deinen Geist neu zu spür’n.
Erwecke die Helden dieser Stadt.
Erwecke die Helden der Nation.
Neu erbauen sollen Sie deinen Thron.
Schütt‘ ihn aus, deinen Geist.
Schütt‘ ihn aus über uns.
Es ist die Zeit deine Werke neu zu seh’n.
Erblüh’n wird Deutschland. Erblüh’n wird Berlin.
In deinem Geist, oh Herr, werden sie erblüh’n.
Es ist die Zeit.
Wir hörten, wie das Rufen und Schreien der Menschen vor der Kirche von einem lauten Wind übertönt wurde. Windhosen bildeten sich. Blitze zuckten. Hagel trommelte gegen die Fenster der Kirche. Wir aber waren voller Frieden in unseren Herzen. Nachdem wir unser Gebet beendet hatten, wurde es draußen ganz still. Wir standen auf und gingen vor die Tür. Die Abrissbagger waren verschwunden. Von dem Zauberer und seiner Crew war nichts zu sehen. Zurückgeblieben war eine Gruppe von 70 zumeist jungen Leuten. Sie kamen langsam auf uns zu und sagten: „Wir wollen getauft werden.“
Ich habe Hoffnung für diese Stadt. Es wird lange, sehr lange, dauern, bis sie wieder glänzt. Doch sie wird wieder strahlen und glänzen.