Es ist mal wieder einer dieser Tage. In meinem Schädel jagen einander die Gedanken, wie zwei Wagen auf der „Wilden Maus“.
Seit über einem Jahr krank. Eine Reha wurde zwar genehmigt, aber noch hat keine Klinik Aufnahmebereitschaft signalisiert. Psychotherapie läuft recht gut, es wird klarer im Reich der Schatten. Aber die Physiotherapie zeigt nur sehr, sehr langsam Fortschritte. In ungefähr einem halben Jahr fällt nach der Lohnfortzahlung auch das Krankengeld weg. Und dann, Frühverrentung wegen Erwerbsunfähigkeit?
Ich werde im September gerade einmal 55 Jahre alt. Das ist doch kein Rentenalter. In mir krampft sich bei den Gedanken an Rente alles zusammen. Bereits überwunden geglaubte „Versager“-Aussagen über mich selbst werden wieder laut. Panik vor sozialem Absturz kommt auf. Ich frage mich, ob ich demnächst die Gehstöcke gegen einen Rollator eintausche und dieser unvermeidlich zum Rollstuhl führt?
Hoffnung sieht anders aus.
Hoffnung. Warte mal! Da war doch was…
Obwohl mein BMI seit Mitte 1993 im Bereich eines Panzerkreuzers aus dem Ersten Weltkrieg herum wabert, habe ich (Gott sei Dank!) kein Diabetes. Als ich wegen der diagnostizierten Herzschwäche eine Herzkathederuntersuchung machen lies, war das Ergebnis unauffällig. (Hallelujah!) Die Depression, die mich von 1993 bis Herbst 2003 fest im Griff hatte und erst seit Oktober letzten Jahres professionell behandelt wird (Hilfe annehmen wäre ein eignes Buchthema), hat mich nicht umgebracht. Auch dies ist erstaunlich und ein Grund zu feiern.
Ich habe gegenüber meinem Brötchengeber und meinen Kollegen kein schlechtes Gewissen wegen des langen Krankseins. Okay, ein Versager-Aspekt ist also definitiv überwunden. Ich gestehe mir zu, schwach und krank sein zu dürfen. … Donnerlüttich!
„Aber!“, schreit da diese fiese Stimme aus dem Off. „Aber was ist denn mit der Karotte? Denk doch an die Karotte, die dir dein Gott seit Jahren vor die Nase hält und dich nicht reinbeissen lässt. Was ist denn damit, häh? Nah? Häh?“
Ach, ja. Die Karotte! – Kurz nach dem ich mich bekehrt hatte, d.h. Jesus als meinen Retter angenommen habe, begann ich mich für das Thema „Heilung durch Gebet“ zu interessieren. Und zwar sowohl für die körperlich Heilung, als auch für die innere Heilung.
(Im deutschen Sprachgebrauch wird innere Heilung eigentlich Seelsorge genannt. Mir gefällt aber der aus dem Englischen kommende Begriff „inner healing“ besser.)
Ende 2009 lernte ich einen Arzt aus Hamburg kennen, er ist Internist und Diabetologe. Dieser Arzt betet auch für seine Patienten und erlebte erstaunliche Heilungen und Heilungswunder, die nicht mit der klassischen, schulmedizinischen Behandlung erklärt werden konnten. Er erzählte mir von Heilungsgebeten, bei denen Übergewichtige 30kg und mehr in einem Augenblick verloren haben. Seit dem wächst in meinem Herzen der Wunsch, dies am eigenen Leib zu erfahren. – Meine Karotte! Sie baumelt nun seit Jahren an einer Angel vor meiner Nase, so wie die Karotte an der Angel Esel (oder ähnliches Getier) motivieren soll, weiter zu laufen. (Siehe einschlägige Comics und Zeichentrickfilme.)
Jener Arzt gründete einen Verein für Heilungsgebet und eröffnete Räume, in denen ehrenamtliche Mitarbeiter an 5 Tagen in der Woche bereit stehen, für Hilfesuchende zu beten. Im Juni 2012 nahm der Verein seine Arbeit auf und ich war ab Juli 2012 einer der Ehrenamtlichen. An ungefähr drei Freitagen im Monat fuhr ich mit dem ICE von Berlin nach Hamburg, bis mich letztes Jahr im Juli die Herzschwäche auf das Abstellgleis schob.
In den 6 Jahren, in denen ich bisher in diesen Heilungsräumen dienen durfte, erlebte ich einige erstaunliche Heilungen. Ich greife eine Geschichte heraus, in der innere und körperliche Heilung einher gingen.
Eine Dame, in etwa in meinem Alter, wurde von Begleitern in unsere Räume buchstäblich hineingetragen. Sie erzählte von starken Schmerzen in Muskeln und Gelenken. Selbst starke Schmerzmittel brachten keine Besserung. Wir hießen sie herzlich willkommen und begannen als Team für sie zu beten. Es waren keine spektakulären Gebete. Hier und da war es notwendig, dass die Dame jemanden aus ihrem Leben vergab. Aber im wesentlichen sprachen wir ihr die Liebe Gottes zu und beteten segnend über ihr. Nach ungefähr 45 Minuten beendeten wir das Gebet.
Etwa weitere fünf Minuten später stand die Dame auf und musste sich nur bei einer ander Personen unterhaken, um den Raum verlassen zu können. Weitere zehn Minuten später humpelte sie selbständig zum WC. Und ungefähr weitere 20 Minuten später stand sie völlig sicher am Waschbecken und half uns beim Geschirrspülen. Als sie und ihre Begleitung gingen, brauchte sie keine Unterstützung mehr.
„Hähäh!“, lacht da diese fiese Stimme aus dem Off. „Dieser ach so gute Gott ist ziemlich oll. Die Frau heilt er, und dich lässt er dumm aus der Wäsche gucken! Ne, im Gegenteil. Guck dir nur deine Eltern an. Und jetzt erzähl mir noch mal, wie guuuuut dein Gott ist.“
Es ist richtig, ich habe im Dienst in Hamburg und auch bei anderen Gebetsgelegenheiten erstaunliche Veränderungen – bei Anderen – erlebt. Heilungen, finanzielle Durchbrüche, Orientierung für Lebensentscheidungen. Wirklich erstaunliche Geschichten.
Genauso ist es richtig, dass Freunde, Bekannte und ich teilweise schon seit Jahren für meinen Vater beten. Er ist seit einer OP nahe der Wirbelsäule quasi querschnittsgelähmt. Anfangs konnte er noch am Rollator laufen. Inzwischen geht dies auch nicht mehr. Egal wer, wieviele oder wie lange gebetet wird, es passiert nix. Vor einigen Monaten wurde bei meiner Mutter Leukämie diagnostiziert. Chemotherapie und Bluttransfusionen. Auch hier beten diverse Freunde und Bekannte. Nix. Aktuell sieht es so aus, als würden meiner Mutter eher Wochen als Monate oder Jahre bleiben. … Das ist SCHEISSE!
Ich bin wütend.
Ich bin traurig.
Ich heule und schreie.
Manchmal könnte ich kotzen.
Ich kapier einfach nicht, warum fremde Menschen, für die ich bete, geheilt werden und bei meinen Eltern oder mir selbst scheinbar null-komma-nix passiert. Ist mir zu hoch!
Habt ihr schon mal von Hiob gehört? Ich tippe mal, der hatte auch so seine „Eyh, Gott!!! Es reicht! Was hab ich dir denn getan?“-Momente. Hiob wird als ein Mann ohne Fehl und Tadel beschrieben. Er sündigte nicht. Vielmehr brachte er Sühne-Opfer schon im Voraus, für den Fall er oder jemand aus seiner Familie könnte gesündigt haben. Dennoch erlaubte Gott dem Luzi Hiob zu piesacken. Nur töten durfte er ihn nicht. Luzi meinte, Hiob von Gott wegreißen zu können. Gott war sich sicher, Hiob ist und bleibt treu.
Hiob war ein wohlhabender Mann. Doch innerhalb kürzester Zeit starben sein Kinder. Alles Hab und Gut wurde gestohlen, stürzte ein oder verbrannte. Und seine „liebende Ehefrau“ erwies sich nicht als hilfreich oder unterstützend: „Männe, du hast alles verloren. Warum lässt du deinen Gott nicht einfach los und bringst dich um?“ … Wer solch ein Ehegespinnst hat, der benötigt keine Feinde.
Hiobs Freunde waren nicht viel besser. Anfangs machten sie es noch richtig. Sie saßen schweigend bei ihm, um ihm zu zeigen, dass er nicht allein ist. Doch dann der Fehler: sie fingen an zu reden. „Öhm, Dicker. Könnte es sein, dass du diese und jene Sünde begangen hast.“ … „Ja, Mann! Irgendwas MUSST du getan haben. Sowas passiert ja nicht einfach so!“ … Und so weiter…An einer Stelle platzte Hiob dann der Kragen: „Eyh! Merkt ihr noch was? Ich bin hier der Oberheilige. Keiner sündigt weniger als ich!“
An dieser Stelle greift Gott ein und erklärt Hiob und seinen Freunden, wer hier der Schöpfer der Welt ist.
Hiob antwortet:
Hiob 42,2 (Hoffnung für Alle) »Herr, ich erkenne, dass du alles zu tun vermagst; nichts und niemand kann deinen Plan vereiteln. 3 Du hast gefragt: ›Wer bist du, dass du meine Weisheit anzweifelst mit Worten ohne Verstand?‹ Ja, es ist wahr: Ich habe von Dingen geredet, die ich nicht begreife, sie sind zu hoch für mich und übersteigen meinen Verstand. 4 Du hast gesagt: ›Hör mir zu, jetzt rede ich, ich will dich fragen, und du sollst mir antworten!‹
Achtung jetzt kommt der Kracher:
5 Herr, ich kannte dich nur vom Hörensagen, jetzt aber habe ich dich mit eigenen Augen gesehen! 6 Darum widerrufe ich meine Worte, ich bereue in Staub und Asche!«
Wenn ich in den letzten Tagen an meine Mutter denken muss, Wut und Trauer in mir aufsteigen, stelle ich mit Erstaunen fest, meine Liebe zu und mein Vertrauen in Gott sind weiterhin stark. Die Ereignisse übersteigen meinen Verstand; ich begreife nicht, was warum gerade geschieht. Ich kann nicht sagen, ich hätte Gott mit eigenen Augen gesehen. Aber ich habe die Auswirkungen seines Seins im meinem Leben wahrgenommen.
In den schlimmsten Zeiten der Depression dachte ich oft an Selbstmord. Aus dem Fenster fallen lassen. Mit dem Auto in einen Brückenfeiler fahren. Von einer Brücke fallen lassen. Entweder hielt jemand oder irgend etwas meine Beine auf dem Boden und ich bekam sie nicht über die Brüstung oder das Geländer geschwungen, oder das Lenkrad blieb stur auf Kurs.
Es waren seltsame Zeiten, ich hatte gleichzeitig Angst vor dem Leben und dem Tod.
Ausgerechnet in einem Kino erahnte ich zum ersten Mal, dass es ernsthaft einen Gott geben könnte. Nur hatte ich in meiner Landeskirchenzeit nicht begriffen, was die Gute Nachricht an der Guten Nachricht ist. Und nun sah ich auf der Leinwand einen Briten DEN DEUTSCHEN Luther spielen. Was er sagte, klang wie meine Gedanken. „Ich sehne mich nach einem Gott, der mich liebt und dem ich vertrauen kann.“
Und dann diese gewaltige Szene, wie die Unterstützer Luthers vor dem Kaiser stehen: „Mit Verlaub Euer Majestät. Aber lieber lassen wir uns den Kopf vom Hals schlagen, als dass wir unseren Glauben und die Bibel in unserer Sprache aufgeben.“ Wow! Diese Typen hatten etwas, für das sie bereitwillig ihr Leben gegeben hätten. Und ich? Ich hatte nichts, wofür es sich lohnt zu leben.“ – Wie gut, dass es im Kino dunkel war. So sah man meine Tränen nicht.
Eine Woche später hielt ich eine Stuttgarter Studienbibel in meiner Hand. Ich begann sie inklusive aller Kommentare von Vorne zu lesen. Mit 1. Mose 1,1 fing ich an. Bereits der Anfang berührte mich. Da wurde von einem Gott berichtet, der sich ein Gegenüber schuf. Keine Marionette, nein ein lebendiges, denkendes und fühlendes Wesen mit dem ER in den Dialog gehen konnte.
Die Geschichte von Joseph schüttelte mich. Er wurde aus Eifersucht von seinen Brüdern in die Sklaverei verkauft. Doch Gott fügte es so, dass diese Tat aus Eifersucht zu einem Segen wurde. Joseph konnte seine Familie vor der Hungersnot retten, da er inzwischen der Zweite Mann in Ägypten nach Pharao war.
Dieses Buch, die Bibel, war so anders als andere Bücher. Damals dachte ich, ich wäre bescheuert. Doch diese Bibel fühlte sich … lebendig an.
Mein erstes konkretes „Ich glaub’ Gott liebt mich“-Erlebnis kam wenige Monate später. Die Batteriehalterung meines Autos war kaputt. Vor der Werkstatt schickte ich ein Stoßgebet nach Oben: „Bitte lass es auf Lager sein!“ – Am Schalter für Ersatzteile guckt mich der Mitarbeiter zweifelnd an: „Oh, das ist ein seltenes Teil. Laut Computer haben wir eins am Lager, aber…“ „Ja“, sagte ich, „ich kenne das. Normalerweise ist so ein Teil dann garantiert nicht vorhanden.“ Mein Gegenüber grinste und verschwand in den Regalen. Wenig später kam er wieder. Oh, Hallelujah! Der Lagerbestand war korrekt!
So kam über die Jahre ein Erlebnis zu dem Anderen. Und irgendwann wuchs dann ein zu kurzes Bein unter Gebet auf die gleiche Länge wie das andere Bein. Danach konnte die Person ohne Hinken, Hüft- und Rückenschmerzen laufen.
Nun. Ist Gott gut? – Ich sage absolut ja dazu. Ich habe zu viel Gutes gesehen, um es einfach weg zu wischen, wenn Zeiten schwer werden.
Schwere Zeiten tun trotzdem weh. Es macht keinen Spass durch diese Zeiten zu gehen. Ich kapiere auch das Warum nicht immer oder eher selten.
Was jetzt? – Jetzt werde ich mich wieder an IHN wenden und ihn bitten, mir zu begegnen und mich zu trösten.
Und du, lieber Leser? – So du IHN noch nicht kennst, ruf zu Ihm. Er ist in Hörweite. Du brauchst keine Gebetsformel. Mach es wie Luther im Film: „Jesus, hier bin ich. Errette mich!“